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04. November 2019

#55
Gehilfin (Teil 2)

von Claire Gonzales

04. November 2019
Lesedauer: 3 Minuten
Von Claire Gonzales


Gehilfin (Teil 2)

Ich stellte kürzlich fest, dass ich manchmal die Neigung dazu habe, gerade dann, wenn Sascha besonders 'tollkühn' unterwegs ist, umso mehr rational, zweifelnd, hinterfragend und sorgengetrieben zu sein, um ihn quasi auszubremsen. Obwohl das eigentlich überhaupt nicht meinem Wesen und meiner Persönlichkeit entspricht. Dass dies weder ihm, noch mir und schon gar nicht unserer Ehe gut tut, ist klar.
Dabei kennt Sascha aus seiner Vergangenheit als Musiker nur zu gut, wie es ist, wenn nahestehende Personen an dem zweifeln, was er macht und ihn dazu überreden wollen, den Weg des Herzens und der Leidenschaft zu verlassen um "was richtiges, vernünftiges zu machen". Ich habe mich in diesen Mann, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg geht und sich in allem treu und ehrlich gegenüber bleibt, verliebt und deshalb ist es so traurig, dass ich gerade an dem Punkt so verletzend ihm gegenüber bin.
Wenn er mich dann fragt, ob ich will, dass er einen beliebigen Vollzeitjob einnehmen soll, nur damit regelmäßig Geld reinkommt, weiß ich ohne eine Sekunde zu zögern gleich: Nein!
Diesen Weg sind meine Eltern gegangen und ich habe mit ansehen müssen, wie es ein karger, frustrierter, oft von Geldsorgen und Unmut getriebener Weg war und ihre Ehe sehr darunter litt. Ich weiß mehr denn je, dass ich das in unserer Ehe nicht wiederholen möchte, dennoch verstehe ich die Sorgen meiner Mutter von damals wirklich so so gut und warum das Missionsfeld zu verlassen als einzige Lösung für die Familie erschien.
Wenn man ein kleines Kind hat und mit ansieht, wie es aufgrund mangelnder Finanzen keine neuen Schuhe bekommen kann, dann schürft das tiefe Wunden in ein Mutterherz, das auf allen Ebenen versorgen und Sicherheit bieten will.

Gerade dann, wenn man "für Gott arbeitet" also in der Mission unterwegs ist, eine Gemeinde leitet oder ähnliches, ist es finanziell oft besonders herausfordernd. Ich weiß noch, wie ich mich oft gefragt habe, warum Gott meinen Eltern nicht die nötigen Finanzen, durch zum Beispiel Spender, über den Weg geschickt hat, damit sie weiter in der Mission bleiben konnten. Die genaue Antwort werde ich wohl nie erfahren, aber ich habe oft den Eindruck gehabt, dass es tatsächlich ein Engpass war, aber nicht um sie zu vernichten, sondern um ihr Vertrauen und ihren Glauben zu stärken. Um sie daraufhin für weitaus Größeres vorzubereiten, als was sie gerade in dem Moment vor sich hatten.
Ich sehe Gott nicht als unaufmerksam, ignorant oder gar grausam und Versorgung böswillig zurückhaltend, sondern als ermutigender, weiser Lehrer, Herausforderer, Beschützer und genau wissend, was er tut. In solchen herausfordernden Zeiten ist es ganz besonders wichtig, sich nach Gott und nach dem, was er sagt, auszustrecken, statt nach den Sorgen und Ängsten um die Zukunft. Angst sollte niemals das sein, was uns leitet. Es geht immer um Vertrauen. Vor allem dann, wenn es am schwierigsten erscheint.

Ich glaube daran, das unausgetragene Konflikte, Traumata und auch Aufträge Gottes, wenn sie unbearbeitet und unerfüllt blieben, in die nächste Generation übertragen werden (können). So oft treten genau die Herausforderungen auf, die wir bei unseren Eltern miterlebt haben und wir stehen vor ganz ähnlichen Situationen und Entscheidungsmöglichkeiten. Wenn ich in den Sorgen und Befürchtungen stecke, die ich von meiner Mutter her kenne, hilft mir, wenn Sascha mit einfach nur sagt: "Hey, du bist nicht deine Mutter und ich bin nicht dein Vater." Mir wird dann schlagartig klar, dass diese Sorgen nicht in mein Herz gehören und dass ich mich dagegen entscheiden kann. Ich muss mich dann fragen, wer bin ich denn dann? Was denke ich, Claire, wirklich über diese unsichere Situation?

Ich habe als junge Erwachsene Gott so oft um ein außergewöhnliches, abenteuerliches Leben gebeten und ich sehe jetzt, dass ich mittendrin stecke. Dass es einfach wird, habe ich eigentlich nie erwartet. Ich muss mich aber immer wieder daran erinnern, wo mein Herz steht, wie ich mich in Gottes Wildheit und Unberechenbarkeit verliebt habe und auch warum ich meinen Mann und seinen Mut so sehr liebe. Das wichtigste ist, dass die Liebe immer wieder über die Angst siegt.

Fragen:
1. Kennst du Situationen, in denen nicht du, sondern deine Angst gesprochen hat?
2. Gibt es etwas, was du bei deinen Eltern beobachtet hast und was auch bei dir wieder auftaucht?
3. Wie kann die Liebe über die Angst siegen?